Saison 2015: Station 8 in Most (II) – Finale

Das letzte Septemberwochenende steht traditionell im Zeichen des Finales der FR-Challenge im tschechischen Most. Im Prinzip meine Lieblingsstrecke im Kalender. Hier fühle ich mich ein bisschen wie zu Hause. Laut Wettervorhersage sollte es bei Temperaturen zwischen 10-18 Grad trocken bleiben. Das passt dann schon mal.

Ausgeruht und frisch aus dem Urlaub machte ich mich Donnerstag kurz nach dem Mittag auf den Weg Richtung Most. Dort kam ich gegen 18:30 Uhr an und gesellte mich zu den anderen bereits dort wartenden Mitstreitern um die übliche Begrüßungszeremonie abzuhalten. Etwa 19:00 Uhr durften wir dann das Fahrerlager okkupieren; ich bereitete meinen Boxenplatz und den Wohnwagen für die nächsten 3 Tage vor.

Freitag

Mein Plan war es, recht schnell meinen Rhythmus zu finden und gleich von Beginn an zu pushen. Das erste Training für die schnellste Gruppe war für 10:00 Uhr angesetzt. Mein Plan ging auf und ich konnte in der 3. gezeiteten Runde bereits 43er Zeiten gehen. Das Motorrad fühlte sich gut an. Am Setup brauchte ich also nichts ändern. Im zweiten Training konnte ich mich auf 41er Zeiten verbessern und setzte mich auch an die Spitze des Klassements.

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Soweit sah es dann ganz gut aus für mich. Es gab jetzt noch zwei weitere Sessions, welche auch das Qualifying für das erste Sprintrennen am späten Nachmittag bildeten. In diesen zwei Sessions konnte ich mich noch weiter steigern und brachte eine tiefe 41er Zeit auf den Asphalt…Güdy ist aber auch munter geworden und drückte sich mit einer 1:40.6 an die Spitze der Liste. Na gut. Stehe ich eben auf P2 – Hauptsache erste Reihe.

Dann kamen die Aufrufe für das erste Rennen. Ich spendierte meiner Lotte (das ist der Kosename für mein Motorrad) einen neuen Hinterradreifen. Die Asphalttemperatur ist dank der Sonne auf 34 Grad geklettert – ich habe ein wenig gegambled und entschied mich für einen sehr sehr weichen Reifen. Dabei handelte es sich im Prinzip um einen Qualifyer, welchen die IDM-Jungs eben für das Quali benutzen. Die fahren aber auch noch um einiges schneller dachte ich mir und vertraute darauf, dass er die 11 Runden schon durchhalten wird.

Dann ging es los. Nach der Aufwärmrunde positionierten wir uns…Ampel auf Rot…Ampel aus und Feuer frei! Mein Start war so mittelprächtig und ich ordnete mich als dritter nach der ersten Kurve ein. Güdy und ein Gaststarter vor mir. Beide konnten sie mir nicht davon fahren, also probierte ich auf Start/Ziel das erste Überholmanöver. Das klappte erst mal nicht. Ich war spät auf der Bremse – die anderen beiden aber auch. Ok. Dann bleibe ich eben erst mal dahinter… Nächste Runde, gleiche Stelle, selbe Welle…nur dieses mal kam ich besser aus der letzten Kurve und konnte noch mehr Speed mit auf die Geraden nehmen. Noch weit vor dem Anbremspunkt ordnete ich mich vor Beiden! ein und bremste wieder extrem spät; wählte auch gleichzeitig die Kampflinie… Dieses mal hat es geklappt und ich ging in Führung. Jetzt hatte ich freie Fahrt und konnte meinen Stiefel fahren. Mein Dashboard zeigte mir 40er Zeiten…das war gut. Ich drehte mich an der Spitzkehre mal kurz um, um zu sehen, was die beiden hinter mir so machen und sah, dass ich schon einen kleinen Vorsprung von etwa 2-3 Sekunden hatte… Supi, dachte ich mir und konzentrierte mich jetzt auf saubere Runden und wollte keine Fehler machen. Wieder über Start/Ziel dachte ich mir, jetzt knallst’e hier mal eine Hammerrunde hin, bevor es ans Überrunden geht… Voll konzentriert gelangen mir auch die ersten Kurven nahezu perfekt; das Dashboard sagte an der ersten Zwischenzeit -0.6 zur bisherigen Bestzeit. Am zweiten Messpunkt standen -0.8 und über Startziel blieb die Zeit bei 1:39.9 stehen!* Wau! Glücklich und ein wenig erschrocken zugleich verpasste ich fast den Bremspunkt Ende der Geraden. Jetzt wollte ich eigentlich gleich noch einen draufsetzen, da ich die Runde zum Ende hin gar nicht so perfekt fand… bloß nun merkte ich, dass der Grip am Hinterrad deutlich nachließ.

Hatte ich mich mit der Reifenwahl doch verzockt? Hmm. Gut, dann bleib konzentriert, wird’s halt keine noch bessere Runde… Sieg nach Hause Fahren war die Devise. In den letzten beiden Runden verlor ich relativ viel Zeit durch überrundete Fahrer. Es ist halt immer blöd, wenn man an ungünstigen Stellen aufläuft. Aber der Güdy hinter mir muss da ja auch durch…

Doch das hat er wohl wesentlich besser hinbekommen als ich… ich hörte an jeder Kurve sein Motorrad hinter mir. Letzte Runde: Jetzt nur keinen Fehler machen…
Als ich unterhalb vom Fahrerlager auf vorletzte Rechtkurve und letzte echte Überholmöglichkeit zufuhr, hatte ich zwei Möglichkeiten: Fährst du jetzt innen Kampflinie oder eben die Ideallinie (welche die schnellere ist, aber innen die Tür offen lässt)?

Ich entschied mich für die Kampflinie… und das war die falsche Entscheidung. Dadurch, dass ich innen fuhr, meine Kurve daher etwas enger wird, musste ich natürlich auch etwas eher und weiter runter bremsen… Kurz bevor ich umlegte quetschte sich Güdy außen neben mich und zog mir vor’s Vorderrad…Waaahhh??? Wie hat er das denn gemacht? Schöne Sch..ße dachte ich mir… Letzter Versuch: Besser auf Start/Ziel rausfahren: Ich positionierte mich entsprechend und ging viel früher als sonst ans Gas… Das hätte beinahe im Dilemma geendet. Mein Hinterrad hatte überhaupt keinen Grip mehr und ich hatte zwei heftige Rutscher, so dass es mich beinahe abwarf… 0,386 sec hinter Güdy passierte ich die Linie… Meine Herren! Das war ein Weltklasse-Manöver vom Güdy. Ganz ehrlich: Den Sieg hat er wieder mal verdient.

Podest SR1

Hmm. Für die Meisterschaftsgesamtwertung bedeutet das, dass es noch spannender wird. Güdy hat damit wieder 2 Punkte aufgeholt und mein Vorsprung in der Gesamttabelle schmolz auf magere 4 Pünktchen.

Am Abend kam mein Schatz auch nach Most nachgereist, um mir dann für den alles entscheidenden Lauf am Sonntag zur Seite zu stehen.

Mit unserer Boxencrew ließen wir den Abend auf der Burg in Most mit einem wirklich tollen Abendessen ausklingen… (kann ich nur empfehlen da oben das Burgrestaurant).

Samstag

Der 2. Tag bei einer 3-Tages-Veranstaltung steht immer ganz im Zeichen des Langstreckenrennens. Ich hatte mich mit meinem Teamkollegen Krato auch dazu angemeldet. Nach einem kurzen Warmup am Morgen gab es gleich die Qualifikations-Session für das Endurance-Rennen. Noch am Freitag Abend entschieden Krato und ich, dass ich das 20-minütige Quali fahren werde.

Das tat ich dann auch und stellte uns für die Langstrecke auf Pole! (er meinte, er habe auch nichts anderes erwartet).

Einen Bericht zu dem Langstreckenrennen an sich werde ich später unter der Rubrik Poho-Racing zusammen schreiben.

Nach dem Quali zur Langstrecke folgten 2 weitere Qualifikationsläufe für die Startaufstellung des morgigen letzten Sprintrennens. Dabei wurde es auch schon wieder ein wenig ernst. Das war ja wichtig in Bezug auf die Meisterschaft.

In der ersten Session kam ich gut zurecht und hatte auch ein oder zwei freie Runden und brachte eine 1:41.3 zu Papier. Soweit läuft es erst mal und ich habe die provisorische Pole erklommen. Nun folgt noch ein weiterer Durchgang.

Und jetzt kam mir tatsächlich ein bisschen das Wetter zugute. Den ganzen morgen schon war es zwar trocken, aber der Himmel war mit dunklen Wolken verhangen. Nun begann es sogar ganz leicht zu tröpfeln… bei feuchter Strecke wird sich wohl niemand mehr verbessern.

So kam es dann auch. Man konnte zwar mit Slicks auf die Strecke gehen, aber verbessert hat sich dann niemand mehr. Ich selbst konnte unter diesen Bedingungen auch nur noch hohe 41er Zeiten fahren. Man merkt dann deutlich, dass der Grip mit Slicks bei diesen Bedingungen nachlässt.

Güdy stand sogar nur auf P4. Aber immerhin noch in der ersten Startreihe. Das war dann schon mal ein Teilerfolg für mich und eine perfekte Ausgangslage für den Sonntag.

Nachmittags fand dann das 2-Stunden-Langstrecken-Rennen statt und somit war Tag 2 auch schon wieder erledigt.

Am Abend ließ ich es ruhig angehen, verzichtete auf alkoholische Getränke (was in so einem Fahrerlager nicht so einfach ist, wenn alle am Feiern sind), hielt mich an zwei alkoholfreien Radlern auf und machte mich gegen 23.00 Uhr ins Bettchen. Ich wollte ausgeruht sein für das letzte Rennen.

Sonntag

Tag der Entscheidung. Vom Zeitplan her gab es direkt morgens um 9:00 Uhr ein 20-minütiges Warmup und danach ging es direkt mit den Sprintrennen der einzelnen Klassen los. Das Rennen der 1000er sollte gegen 11:30 Uhr starten.

Nach dem Warmup machte ich mein Motorrad für das Rennen fertig…ich spendierte nochmal neue Bremsbeläge, machte einen anderen Hinterradreifen drauf als noch am Freitag und betankte die Lotte.

Nun merkte ich schon, dass ich doch ganz schön aufgeregt bin. Immer wieder betrachtete ich mein Motorrad und überlegte, ob ja auch alles in Ordnung ist. Den Luftdruck habe ich geschätzte 10x kontrolliert usw…

Dann war es soweit. Dritter und letzter Aufruf zum Rennen. Ich zog mich an, mein Schatz gab mir noch ein Küsschen und sagte mir: Du schaffst das! Ich war mir nicht so sicher. Ein Sturz und es wäre vorbei. Oder ein technisches Problem. Oder oder oder…

Als ich dann aber rausfuhr in die Startaufstellung waren diese ganzen Gedanken verschwunden… Mein Kopf hat wieder auf Racing-Modus umgeschaltet. Und das bedeutet dann, dass ich doch wieder ganz fokussiert auf die Sache an sich eingestellt war.

In der Startaufstellung erwartete mich dann mein Schatz, um mir noch ein letztes Mal vor dem Rennen alles Gute zu wünschen.

Grid-Girl

Dann ging es los. Ampel aus und los geht’s… Wieder habe ich den Start nicht perfekt hinbekommen. Mist. Aber wieder war ich hinter genau den selben beiden Dritter. Dieses mal aber war Güdy ganz vorn, der Gaststarter (Max) zwischen uns. Irgendwie eierte Güdy da vorn ganz schön rum… richtig schnell war das alles nicht. Er bremste viel früher als sonst und war auch in den Kurven nicht sonderlich schnell. „Was ist denn bei dem los?“ dachte ich mir. Und als ich mich noch so wunderte waren schwupps Basti und auch Krato an mir vorbei, weil ich viel früher bremsen musste als nötig gewesen wäre. Aber ich kann ja auch nicht durch den vor mir Fahrenden durchfahren. Hmm. „Was ist das den jetzt?“ ging mir durch den Kopf. Wir blieben aber alle dicht beisammen. Die ersten 7 Fahrer lagen innerhalb einer Sekunde. Und das bestimmt 5-6 Runden lang. Wenn das Rennen jetzt so ausgeht, dann hat Güdy die Meisterschaft gewonnen. Das will ich natürlich verhindern, um selbst den großen Pott zu gewinnen.

Da das Zeitenniveau nur auf 42er Zeiten war, konnte ich Krato und auch Basti wieder überholen. Beide waren auch absolut faire Sportsmänner und machten es mir beim Kampf um den Titel nicht sonderlich schwer, vorbei zu kommen.

Inzwischen habe ich auch kapiert, was Güdy vor hat. Richtig schlau der Junge… Er fuhr gezielt die Lorenzo-Taktik aus Valencia 2013. Das heißt: Damals war es Lorenzos einzige Chance auf den Titel, wenn er gewinnt und Marquez nur als 5. oder noch dahinter ins Ziel kommt. Er fuhr damals absichtlich an Stellen langsam, wo man schlecht oder gar nicht überholen kann, um hinter sich das Feld zusammen zu halten und die Gegner sich so gegenseitig beharken. Lorenzo hoffte damals auf einen Fehler von Marquez oder zumindest, dass sich einige Fahrer zwischen ihn und seinen Rivalen schieben. Genau das machte Güdy auch. Ihm hätte es ja gereicht, wenn nur ein anderer Cupfahrer zwischen uns ist, wenn er gewinnt. Dann hieße es Punktgleichheit und das ginge zugunsten von Güdy auf. Er hat mehr Siege in dieser Saison eingefahren.

Als mir das klar wurde ließ ich keine Möglichkeit mehr aus, ihn zu attackieren und startete einen Überholversuch nach dem anderen. Er wehrte sich mit allen Mitteln der Kunst. Bis ich irgendwann besser durch die Schikane Ende Start/Ziel kam…das nutzte ich sofort aus und zog beim Rausbeschleunigen auf die lange Linkskurve an ihm vorbei…

Jetzt waren es noch knapp 4 Runden zu fahren und ich gab Gas… Prompt fuhren wir tiefe 41er Zeiten… und ich pushte eben so gut es ging. Ich konnte mich auch vorn behaupten…die letzten beiden Runden waren wieder durch Überrundungen geprägt… hoffentlich komme ich da jetzt gut durch…noch war nichts in trockenen Tüchern. Aber ich kam gut durch…Güdy aber auch und er klebte wie ein Schatten an meinem Hinterrad.

In der letzten Runde habe ich nochmal alles gegeben…nur keinen Fehler machen. Bei der Anfahrt auf die letzte Überholmöglichkeit unterhalb vom Fahrerlager gab ich wirklich alles, um nicht dort wieder von ihm kassiert zu werden. Dieses mal habe ich mich für die schnellere Ideallinie entschieden… und das war die bessere Entscheidung als am Freitag.

Ich blieb vorn und überquerte kurz darauf die Ziellinie als erstes vor Güdy…

Die Zuschauer sprachen danach von einem haarsträubenden Krimi, der sich ihnen bot. Ich selbst habe das auf dem Motorrad gar nicht so mitbekommen. Dass es knapp zwischen uns wird, war ja vorher schon klar…dass es aber so knapp wird, habe auch ich nicht erwartet.

Nach der schwarz-weiß-karierten Flagge ist mir dann richtig ein Stein vom Herzen gefallen. Ich habe es tatsächlich geschafft. Ich habe das Rennen gewonnen und damit den Meistertitel in der FR-Challenge nach dem letzten Jahr auch dieses Jahr wieder eingefahren. Die Saison mit einem Sieg zu beenden ist Balsam für die Rennfahrerseele…

Siegerehrung Sonntag

Die Pokale der beiden Sprintrennen und der vom Langstreckenrennen am Samstag

Die Pokale der beiden Sprintrennen und der vom Langstreckenrennen am Samstag

Nun ist die Saison 2015 fast schon wieder vorbei…eine Abschlussveranstaltung am Pannoniaring Mitte Oktober fahre ich noch…doch diese ist nur zum Ausklang der Saison gedacht…völlig befreit von Meisterschaftsgedanken und der Anspannung diesbezüglich.

Anhand dieser kleinen Geschichte aus Most wird auch noch mal deutlich, dass die FR-Challenge @ FR-Performance eine bis zu den letzten Metern spannende Amateur-Rennserie ist. Aufgrund des eigenen Punktesystems, welches abweichend von den klassischen Systemen ist, gibt es nicht schon Mitte der Saison irgendwelche Ausreißer, die dann nicht mehr eingeholt werden können, sondern es bleibt eben spannend bis zum Schluss.

* im Nachhinein stellte sich allerdings raus, dass mein Laptimer irgendwelchen Mist angezeigt hat. Die offizielle schnellste Rundenzeit laut Zeitnahme war eine 1:40.7